Sobald die Gastmutter morgens aufsteht wird es schwierig weiter zu schlafen. Sie hat die tapsenden Schritte eines Baby Elefanten und ruft mit nervtötender Stimme ihre übermüdeten Kinder aus dem Bett. Die drei sind morgens wirklich sehr unausstehlich, Kazuki schaut mich dann immer an als ob ich ihr Haustier gefressen hätte und Satsuki will morgens nie dass ich sie oder die Sachen mit denen sie gerade herum spielt ansehe. Naja und Mizuki ist morgens auch nicht gerade die gesprächigste.
Aus diesem Grund vermeide ich es allzu früh raus zu kommen und traue mich erst aus dem Zimmer wenn ich Frühstück vermute. Für die Gastmutter scheint es aber nicht selbstverständlich zu sein, morgens als erstes das Frühstück zu machen. Oft macht sie zuerst eine Ladung Wäsche fertig, trillt die Kinder zu ihren Hausaufgaben oder macht sonstige Sachen, nur kein Frühstück.
Da im Moment für alle 3 Kinder Sommerferien sind müssten sie sich ja eigentlich nicht hetzen, aber alle 3 gehen in Ferienschulen, Spezialunterricht, Ballettunterricht, Klavierunterricht und was man sich sonst noch alles vorstellen kann. Der Stundenplan der Kinder ist also immer sehr voll und ich sehe sie eigentlich selten bis nie wirklich spielen und das obwohl sie zwischen 4 und 8 Jahre alt sind.
Ich verlasse sobald wie möglich die Wohnung, wobei ich meistens mit den Kindern Zähne putze. Die Zahnbürsten der Kinder sehen aus wie kleine, rosarote, Mini-Klobürsten, die Mutter legt aber Wert darauf, dass sie sie auch täglich benutzen.
Gelegentlich sehe ich morgens sogar den Gastvater, aber meistens schläft er noch wenn ich weg gehe.
Vormittags ist in Japan eher wenig anzufangen, die meisten Geschäfte öffnen erst zwischen 10 und 11 Uhr Vormittags, das ist leider reichlich spät.
Aber meine Fahrt ins Zentrum Tokyos, wo sich meine Sprachschule befindet dauert sowieso eine ganze Stunde, Laufzeit nicht mit einberechnet.
Ich habe wie viele andere auch eine SuICa Karte, die mich mit nur einer leichten Berührung des Touchscreens durch die Schranken lässt. Das geht recht schnell, was bei den Massen an Menschen auch recht praktisch ist.
Auf einem japanischen Bahnhof muss man sich an die akustischen Hintergrundgeräusche gewöhnen. Da viele Japaner Vogelgezwitscher als beruhigend empfinden piept es in regelmäßigen Abständen überall. Natürlich gibt es eine ohrenbetäubende Durchsage wenn der Zug einfährt, aber nicht nur mit der Information, dass der Zug einfährt (als ob man das nicht den vielen blinkenden Anzeigetafeln entnehmen könnte) sondern auch mit diversen Warnungen. Man hat gefälligst hinter der gelben Linie zu warten, die übrigens sehr viel weiter hinten liegt als bei uns. Sobald die Türen piepsend aufgehen wird für alle unüberhörbar der Name der Station durchgesagt (auch das kann man im Wageninneren über jeder Tür lesen, sowohl in Kanjis, Katakana und in Romanji). Um die Wartezeit in der Station für alle so angenehm wie möglich zu machen ertönt in der Zeit in der die Türen geöffnet sind eine Melodie, die sich von den anderen Zuglinien unterscheidet. Bevor sich die Türen schließen gibt es wieder eine Durchsage, denn selbiges ist gefährlich und das ist nicht mal so weit her geholt. Die Türen gehen hier nämlich nicht wieder auf wenn man noch dazwischen hüpft oder sich die Tasche einklemmt. Also ja auf die Finger aufpassen.
Da ich meist erst zwischen 9 und 10 Uhr Vormittags in die Stadt fahre kriege ich meistens sogar einen Sitzplatz. Das ist in Japan nicht selbstverständlich. Gerade in der Rush-hour müssen 75% der Leute stehen und das wie die Sardinen. Noch schlimmer ist es im Expresszug, der nur die großen Stationen anfährt und deswegen gute 10 Minuten schneller ist, aber ob man sich das antun will, für 10 Minuten? Ich tus jedenfalls nicht.
Wenn man einen Sitzplatz ergattert hat geht’s bei den meisten Japanern gleich ans Schlafen (Inemuri genannt). Das ist für die Japaner so selbstverständlich wie Zeitung lesen oder spielen.
Sitzplätze sind natürlich sehr begehrt und so schnell kann man gar nicht schauen ist der Platz weg sobald man aufsteht.
Richtung Stadt wird der Zug dann immer voller und man muss sich schon richtig rauszwängen wenn man dann endlich sein Ziel erreicht hat. In meinem Fall die Station Suidobashi. Direkt am Bahnhof gibt es wie bei jedem größeren Bahnhof eine Vielzahl von Pachinkohallen, Restaurants und Geschäften. Da die Gegend um Suidobashi mit Bürohochhäusern gesegnet ist gibt es vor allem viele Restaurants, die um die Mittagszeit sogar Hauseigene Bento-Boxen vor dem Eingang verkaufen.
Ich laufe ca. 10 bis 15 Minuten bis zu meiner Sprachschule, aber auf dem Weg mache ich oft in den 24 Stunden Kombinis halt um mir primär etwas zu trinken zu kaufen. Hin und wieder kaufe ich mir aber auch ein kleines Mittagessen, zum Glück haben die Kombinis ein reichhaltiges Angebot. Von Onigiri über kalte Soba Nudeln bis zur Bento-Box in verschiedenen Größen haben sie alles was das Herz begehrt.
Mein Stundenplan sieht übrigens wie folgt aus:
Montag:
13-15Uhr Rapid-Read Übungen (schnelles Lesen und Erfassen)
15-17Uhr Grammatik und Übungen aus dem Lehrbuch
Dienstag:
13-15Uhr Kanji Unterricht
15-17Uhr JLPT Grammatik (JLPT ist ein offizielles Prüfungssystem für Japanisch Lernende)
Mittwoch:
13-15Uhr Hörverständnis Übungen
15-17Uhr Grammatik und Übungen aus dem Lehrbuch
Donnerstag:
13-15Uhr Kanji Unterricht
15-17Uhr JLPT Grammatik
Freitag:
13-15Uhr Aufsatz Übungen
15-17Uhr Grammatik und Übungen aus dem Lehrbuch
Im ganzen habe ich 3 Verschiedene Lehrbücher bekommen und habe bei 4 verschiedenen Lehrern Unterricht. Wobei unsere Klasse für den Kanji Unterricht noch mal extra aufgespalten wird, scheinbar können manche nur sehr wenige Kanjis.
Nach dem Unterricht gehe ich oft noch in den kleinen Computerraum der Schule, 5-6 Pcs (einer ist meistens kaputt) für gut 100 Schüler. Eigentlich gibt es die Regel, dass man nur 15 Minuten lang an einem Pc bleiben darf, zumindest wenn andere auf die Benutzung selbiger warten. Aber ich ignoriere das eigentlich immer. Bei dem lahmen Internet brauch ich ja schon 10 Minuten um überhaupt zu meinen Mails zu kommen…
Da sie kein W-LAN haben muss ich mir das Internetkabel eines Pcs so ausborgen, was meist zu Verwirrung führt, denn alle glauben ich benutze den Pc gar nicht und wollen da hin. Aber ja gerne doch, aber Internet gibt’s keines ;-)
Gegen 19 Uhr fahre ich dann zu meiner Gastfamilie nach hause. Leider ist die Rush-hour abends sehr viel ausgedehnter und ich bekomme oft erst auf der halben Strecke einen Sitzplatz ab. Zu allem Ungut fährt mein Zug abends vermehrt nur bis Nishifunabashi oder Tsudanuma. Das heisst aussteigen und auf den nächsten Zug warten, der weiter bis zu meiner Station fährt, die immerhin nur 2 Stationen vom Zentrum Chiba entfernt ist.
Um 20:30 komme ich dann für gewöhnlich nach Hause und werde zumeist Freudig von den Kindern empfangen, na ja bis auf Kazuki, die schaut immer nur doof.
Nach dem Hände waschen, auf das sie hier bestehen, gibt’s Abendessen. Da die Kochkünste meiner Gastmutter zu Wünschen übrig lassen tröste ich mich meist damit, dass Reis ja sehr sättigend ist. Dummerweise hat meine Gastmutter bemerkt, dass ich meinen Salat immer aufesse und seitdem bekomme ich immer größere Portionen selbigen. Traditionellerweise gibt es immer viele kleine Teller und Schüsseln mit verschiedenen Speisen, so hab ich oft das Glück, dass irgendetwas davon gut schmeckt.
Die Kinder waren meistens schon vor dem Essen im Ofuro, dem japanischen Bad. Wobei in meiner Familie das baden an sich scheinbar eher vernachlässigt wird. Es wird viel mehr geduscht. Die Nasszelle ist relativ groß, aber die Duschvorrichtung geht mir nicht einmal bis zur Brust, weswegen ich, wie die meisten Japaner, im Badezimmer auf einem Mini Hocker sitze.
Im Badezimmer steht auch die Waschmaschine, die beim Schleudern fast aus ihrer Vorrichtung hüpft und dabei wie wild piept. Meine Schmutzwäsche sammle ich jedoch in meinem Zimmer. Mir ist es lieber meine Wäsche auf einmal gewaschen zu bekommen als einzelnd, zumindest seit ich einmal ein Unterhöschen in kunstvoller Origamifaltung in meinem Zimmer vorfand. Das ist mir dann doch zu peinlich…
Letztens habe ich mir bei der Post einen Karton gekauft und mich über das verschicken ins Ausland erkundigt. Dabei hat mir die Postbeamtin einen Zettel mitgegeben mit einer Telefonnummer, die ich doch bitte vorher anrufen soll. Wieso und weshalb habe ich nicht so ganz verstanden, weswegen ich meine Gastmutter gefragt habe, also das Packet und schickfertig war. Interessanterweise führte diese Nummer zu einer Hotline, die einem einen Postbeamten nachhause schickt um schwere Pakete abzuholen. Noch am selben Abend klingelte der Postbote bei uns und erschien mit einer Waage und einem Lesegerät, wie es viele Postboten bei uns auch schon haben.
Als ich vor 2 Jahren in Fukuoka war habe ich ebenfalls ein Paket verschickt und dabei massenhaft Zetteln ausgefüllt, bis endlich das richtige dabei raus kam. Zum Beispiel musste ich als Absender meine eigene Adresse in Österreich angeben, die natürlich mit der Sendeadresse ident ist. Die Angaben zum Inhalt des Paketes sollten in der Zustellersprache erfolgen, also in Deutsch (logisch, die in Japan interessieren sich ja nicht dafür was ausgeführt wird). Ich habe es also diesmal genauso gemacht, was natürlich für Verwirrung sorgte. Unglücklicherweise habe ich einen Postboten erwischt, der wohl selten bis nie Pakete fürs Ausland abholt, aber schlussendlich hat es ja dann doch geklappt und das Paket ist seit Montagabend unterwegs.
Die Abende bei meiner Gastfamilie sind etwas eigenartig, die Kinder scheinen ins Bett zu gehen wann sie wollen, besonders die kleine Satsuki bleibt oft sehr lange auf. Auch die Gastmutter ist oft lange auf und sieht sich eher dämliche Sachen im Fernsehen an oder liest.
Damit ich vor allem von den Kindern eine Ruhe habe, sage ich spätestens um 22 Uhr Gute Nacht und schließe meine Hauchdünnen Schiebetüren durch die man jedes noch so kleine Geräusch hört. Ich fürchte, man hört sogar das tippen.
Irgendwann geht aber auch die Gastfamilie ist Bett, wobei ich es oft nicht einmal höre wenn der Gastvater nach Hause kommt.

2 Kommentare:
voll witzig irgendwie für was die dort jobs haben.. sogar leute die die post abholen Oo
aber das schlägt sich vermutlich in den preisen nieder!
überall vogelgezwitscher, das ist ja was für dich :)
bussi
na wenn es wenigstens echte aufnahmen von voegeln waeren, aber nein, es ist ein kuenstliches, sehr unecht wirkendes gezwitscher, leider.
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